Digitalisierung: Eine Chance für mehr Ressourceneffizienz und ländliche Entwicklung

Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Kaum eine andere Innovation in den vergangenen Jahren hat unsere Lebensweise innerhalb kürzester Zeit so verändert. Mittlerweile ist es möglich, immer mehr Dinge bequem von zu Hause aus zu erledigen. Und dieser Trend wird sich auch zukünftig immer weiter fortsetzen.

von Simon Rock

Dabei lohnt es sich, einmal einen Blick darauf zu werfen, welchen Beitrag Digitalisierung einerseits zu Klimaschutz und Ressourceneffizienz und andererseits zu einem Abbau des Stadt-Land-Gefälles leisten kann. Denn wenn Stadt und Land gleichwertig von schnellen Netzen und digitalen Lösungen profitieren, dann kann die Digitalisierung eine Chance für die Angleichung der Lebensverhältnisse sein.

Sollte dies jedoch nicht gelingen, besteht die Gefahr, dass die Disparitäten immer weiter auseinander gehen und extreme Ausmaße annehmen werden. Denn eines steht fest: Die Digitalisierung wird für zusätzliche Effizienz- und Produktivitätsschübe sorgen. Dementsprechend ist die Frage, ob die Vorzüge der Digitalisierung sowohl in der Großstadt als auch auf dem platten Land ankommen, eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Wenn digitale Lösungen zukünftig zur Daseinsvorsorge gehören wie heute eine funktionierende Stromversorgung, muss auch das digitale Fundament dafür stehen: Eine ausreichende Breitbandversorgung auch in kleinen Dörfern bzw. sprichwörtlich an jeder Milchkanne ist die notwendige Bedingung dafür, das regionale Gefälle zwischen Ballungszentren und ländlichem Raum nicht zu groß werden zu lassen.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, so bieten sich eine Reihe von Möglichkeiten, wie Digitalisierung einen Beitrag zu einem sparsameren Umgang mit unseren Ressourcen leisten kann.

Mehr Ressourceneffizienz durch Digitalisierung

Momentan wird fast jede fünfte Tonne CO2, die in Deutschland emittiert wird, durch den Verkehrssektor verursacht. Ein nicht unerheblicher Teil davon ist dadurch bedingt, Erledigungen zu tätigen, die sich grundsätzlich auch digital ausführen lassen. So lassen sich viele Dienstreisen dadurch einsparen, in dem statt auf Face-to-Face-Meetings bzw. Offline-Veranstaltungen verstärkt auf Videokonferenzen oder Webinare zurückgegriffen wird. Durch diese Instrumente lässt sich auch Home-Office besser in den Arbeitsalltag integrieren. Wenn die Besprechungen sowieso online durchgeführt werden, muss ich wegen dieser nicht extra ins Büro fahren, sondern kann diese bequem von zu Hause aus erledigen. Und wenn Home-Office die Regel und Präsenz-Bürotermine die Ausnahme werden, muss ich nicht mehr extra wegen des Jobs in die Stadt ziehen. Wenn darüber hinaus einfache Arztbesuche online erledigt werden können, entschärft sich auch das Problem des vor allem in ländlichen Räumen anzutreffenden Fachärztemangels. Und wenn schließlich Behördengänge entfallen, weil der Reisepass bequem online von zu Hause aus beantragt werden kann, steigert das die Lebensqualität zusätzlich und vermeidet Emissionen.

Digitale Lösungen spielen zudem eine wichtige Rolle für die Energiewende, denn intelligente Stromnetze (“smart grids”) ermöglichen ein verbessertes Lastmanagement. So können mithilfe digitaler Lösungen fluktuierende Erneuerbaren Energien besser in die Stromversorgung integriert und die Notwendigkeit von Speicherkapazitäten deutlich reduziert werden.

Entwicklung des ländlichen Raums

Von technologischen Entwicklungen zur effektiveren Nutzung Erneuerbarer Energien profitieren gerade ländliche Räume. Hier finden sich die notwendigen Flächen und gute Standortbedingungen für die Nutzung der Erneuerbaren, insbesondere der Windkraft, aber auch der Solarenergie. Eine nachhaltige Energieerzeugung – dezentral und erneuerbar – führt dazu, dass die Gewinne nicht mehr in die Zentralen der großen Energiekonzerne fließen, sondern der Wirtschaft vor Ort zugute kommen. Daher liegt in einer Dezentralisierung der Energieerzeugung durch die Energiewende und Digitalisierung eine große Chance für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung ländlicher Räume.

Auch die Mobilität im ländlichen Raum kann durch digitale Lösungen attraktiver und effizienter werden. So können mithilfe neuer Technologien Buslinien installiert werden, die vorher aufgrund fehlender Wirtschaftlichkeit nicht bedient wurden. Bereits heute besteht die Möglichkeit, durch die Nutzung spezieller Apps, Busrouten in Echtzeit so zu berechnen, dass nur noch Haltestellen angefahren werden, an denen tatsächlich Fahrgäste ein- und aussteigen möchten. Infolgedessen fahren die Busse keine festen Routen mehr, sondern richten Ihre Routenplanung ständig neu am Bedarf aus. Dadurch wird insbesondere in dünn besiedelten Regionen der Anschluss von zusätzlichen Haltestellen und damit ein Mehr an ÖPNV möglich. Ein solches bedarfsgesteuertes Busmodell existiert bereits heute beispielsweise im münsterländischen Olfen und ist daher auch unter dem Begriff “Olfener Modell” bekannt.

In der Landwirtschaft gilt es, Chancen und Risiken der Digitalisierung sorgfältig abzuwägen. Schon heute kommen in der Landwirtschaft an vielen Stellen digitale Lösungen zum Einsatz. Diese können im besten Fall dazu beitragen, den Pestizid- und Stickstoffeintrag durch eine präzisere Bodenbearbeitung zu reduzieren, die Ressourceneffizienz zu verbessern und Arbeitsprozesse zu vereinfachen.

Allerdings darf die Digitalisierung nicht zu einem weiteren Treiber der Industrialisierung der Landwirtschaft werden, bei der immer weniger, hochtechnisierte Großbetriebe übrig bleiben, während kleinere Betriebe weiter zurückfallen und immer mehr kleinere Höfe aufgeben müssen. Zu einem intakten und attraktiven ländlichen Raum gehört eine vielfältig strukturierte bäuerliche Landwirtschaft. Denn bäuerliche Betriebe, die im Einklang mit der Natur wirtschaften, stärken gesellschaftliche Strukturen auf dem Land, erhalten eine vielfältig strukturierte Kulturlandschaft und können im besten Fall zum Landschafts- und Artenschutz beitragen.

Bei der Förderung digitaler Technologien mit Mitteln der Agrarpolitik sollten wir Grüne konsequent auf digitale Lösungen setzen, die kleinere, bäuerliche Betriebe unterstützen, um nicht mit der Digitalisierung einem weiteren “Wachse-oder-weiche“ unter den landwirtschaftlichen Betrieben Vorschub zu leisten.

Im Natur- und Artenschutz können digitale Lösungen ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. So ermöglicht die Nutzung großer Datenmengen neue wissenschaftliche Methoden zur Untersuchung der Entwicklung der biologischen Vielfalt. Zudem kann die Entwicklung von Naturschutzgebieten durch digitale Technologien vereinfacht werden (z.B. verbessertes Artenmonitoring, Erhebung von Flächendaten). Die Erhebung der innerhalb einer bestimmten Flächenkulisse vorkommenden Arten spielt nicht zuletzt in Planungsprozessen eine wichtige Rolle, da das Vorkommen seltener Arten ein wichtiges Kriterium beispielsweise im Rahmen der Landschaftsplanung aber auch bei Baugenehmigungen, Gewerbegebietsausweisungen oder Abgrabungen sein kann.

Zudem kann durch eine digitale Verwaltung und die Veröffentlichung von Landschaftsdaten (beispielsweise zu ökologischen Ausgleichsmaßnahmen) der Zugang zu wichtigen Umweltinformationen für Naturschutzverbände, Umweltverwaltungen oder biologische Stationen deutlich vereinfacht werden.

Neben den unbestreitbaren Chancen bringt die Digitalisierung aber auch Herausforderungen und Probleme für den ländlichen Raum mit sich. Ein besonderes Problem für kleinere Städte und Gemeinden ist der Attraktivitätsverlust der Ortskerne durch das Wegbrechen von Geschäften infolge des boomenden Onlinehandels. Möglicherweise können sich Einzelhändler*innen hier aber auch digitale Vermarktungswege zunutze machen, um neue Umsatzquellen zu eröffnen. Beispielsweise können regionale Online-Marktplätze eine Plattform für den Verkauf von Produkten aus der Region bieten. Einzelhandelsverbände, Regionalagenturen oder kommunale Verwaltungen können solche regionalen Vermarktungsplattformen initiieren. Viele Verbraucher*innen legen großen Wert auf Regionalität und wollen die Händlerinnen und Händler in ihrer Stadt oder Gemeinde nutzen. Gleichzeitig schätzen viele Verbraucher*innen die Vorzüge des Onlineeinkaufs. Die Verknüpfung von Online- und stationärem Handel bietet die Chance, regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Wenn durch regionale Onlineplattformen neue Vermarktungswege ermöglicht werden, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, Läden in den Ortskernen zu erhalten. Entsprechende Initiativen können zum Beispiel über LEADER-Programme gefördert werden.

Digitalisierung aktiv gestalten

Politisch und gesellschaftlich stehen wir vor der Frage: Wollen wir im ländlichen Raum beim Thema Digitalisierung wie das Kaninchen auf die Schlange starren oder wollen wir die Digitalisierung so gestalten, dass wir ihre Chancen bestmöglich nutzen und ihre negativen Folgen möglichst abmildern? Für uns Grüne sollte klar sein: Wir wollen die Digitalisierung aktiv gestalten anstatt von der Digitalisierung gestaltet zu werden. Dafür braucht es Offenheit für neue Lösungen, frische Ideen und innovative Ansätze – auch und gerade in den kommunalen Verwaltungen und in der Kommunalpolitik. Nur wenn wir uns im ländlichen Raum offen, mutig und kritisch-konstruktiv mit digitalen Lösungen auseinandersetzen, können wir die Digitalisierung zur Angleichung der Lebensverhältnisse nutzen. Wer den ländlichen Raum bei der Digitalisierung von vornherein abschreibt, der nimmt in Kauf, dass die Lebensverhältnisse in unserem Land weiter auseinanderdriften.

Simon Rock ist Mitglied des Bezirksvorstandes Westfalen von Bündnis 90/Die Grünen sowie Fraktionssprecher im Kreistag des Kreises Siegen-Wittgenstein. Seine politischen Schwerpunktthemen sind Wirtschaft, Soziales, Haushalt und Finanzen

Jan-Niclas Gesenhues ist Mitglied im NRW-Landesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen, Fraktionssprecher im Kreistag des Kreises Steinfurt und dort auch Vorsitzender des Umweltschutzes. Seine politischen Schwerpunkte sind Umwelt- und Naturschutz, ländliche Entwicklung und Energiepolitik.

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